Erzählte Erinnerungen

Ein rechter Blick zur rechten Zeit

Christine, Erinnerungen aus dem Jahr 1948

Da wir Kinder fast jeden Tag draußen in der Natur verbrachten, waren wir nicht so erpicht darauf, am Wochenende mit den Eltern spazieren zu gehen. Das ging so weit in Ordnung. Nur zu Pfingsten wollte mein Vater mit der ganzen Familie einen ausgiebigen Spaziergang machen. Zur Belohnung gingen wir anschließend in ein Wirtshaus, wo wir Dinge essen durften, die es daheim nicht gab.

Eines Tages jedoch geschah eine Katastrophe. Unser Vater hatte eine goldene Krawattennadel mit einem Diamanten in der Größe von einem Karat. Die trug er immer.
Wie in jedem Jahr stapften wir Kinder also gut gelaunt durch den Wald, voller Vorfreude auf die Wirtschaft und in Gedanken schon bei der Speisekarte und dem, was wir wohl essen würden.

An einer Bank haben wir Halt gemacht, um ein wenig auszuruhen. Plötzlich fasst Vati sich an die Brust, tastet, schaut an sich herab – panischer Blick! “Meine Krawattennadel ist weg!” 

Wir haben wie die Mäuse alles abgesucht. Den ganzen Waldboden. Ich glaube, wir sind den ganzen Weg noch mal komplett mit der Nase am Boden rückwärts gegangen. Nichts! Absolut nichts. Und so ein Einkaräter ist ja kein Minikiesel. Der hätte uns eigentlich entgegenblinken müssen. Tat er aber nicht. Er blieb verschwunden. Da war die Stimmung natürlich am Boden und von einem leckeren Mittagessen in der Gaststätte war auch keine Rede mehr. Statt dessen Trübsal blasen zu Hause.

Ein Jahr später trat die gesamte Familie wieder zum Pfingstspaziergang an. Wieder der selbe Weg. Wieder die Bank. “Wisst ihr noch?”, fragte Vati. “Hier irgendwo habe ich letztes Jahr meine wertvolle Krawattennadel verloren.” Ach ja, stimmt. Wir Kinder hatten das natürlich längst vergessen. 

Aber wie das so ist – geradezu reflexartig schaut man ja in solch einer Situation auf den Boden. Ich schaute auch, stutzte, schaute noch mal, bückte mich – und hielt die Krawattennadel in der Hand. Völlig unversehrt. Die hatte ganz offensichtlich ein Jahr hier gelegen – unbemerkt von unzähligen Spaziergängern, die vorbei gekommen sein mögen.

Vati war total aus dem Häuschen und hat sich fast nicht mehr eingekriegt vor lauter Freude. Da war ich mächtig stolz. Ende - Schloss

 

Aus dem Leben eines Kämpfers!

Hans-Jörg, Erinnerungen aus dem Jahr 2009

Gehört hatte ich schon viel davon. Auch gelesen. Dass es einen in jedem Alter treffen kann. Dass niemand wirklich sicher ist. Dass es ganz plötzlich kommen kann. Dass es nie wieder so sein wird wie früher. Dass er ein Leben für immer verändert. Der Schlaganfall! Schon klar – aber doch nicht bei mir!

Klaus war zehn Jahre älter als ich und gehörte zu meinen ältesten und besten Freunden. Vor einigen Jahren war er mit seiner Frau und den beiden Kindern aus Frankfurt weg in die Nähe von München gezogen.

Obwohl wir den Kontakt nie abbrechen ließen, uns nie wirklich aus den Augen verloren haben, hatten wir es leider auch nicht geschafft, uns in diesen Jahren einmal zu besuchen.
Dann kam die Einladung! Klaus und Elke luden meine Frau und mich zu seinem Sechzigsten ein. Gefeiert werden sollte auf einer Alm oberhalb des malerischen Spitzingsee in den bayrischen Alpen. Übernachtung inklusive. Eine wunderbare Gelegenheit, sich endlich wiederzusehen.

Meine Frau Bianca und ich reisten schon zwei Tage früher an, um endlich einmal ausführlich zu quatschen.

Klaus wollte in seinen Geburtstag, einen Sonntag im Juli, reinfeiern und wir reisten am Donnerstag an, bestaunten ihr Häuschen und fuhren dann mit einem Auto schon mal Richtung Spitzingsee, wo wir bei herrlichem Wetter zwei wunderschöne und fröhliche Tage verlebten. Der Samstag kam. Es war vereinbart, dass sich alle Gäste auf einem Parkplatz unterhalb der Alm treffen, um dann zu Fuß nach oben zu marschieren.

Mit dem Auto kam man da nicht rauf – das Gepäck holte der Almwirt mit einem Unimog vom Parkplatz ab.

Derweil wurde die Feier schon mal eingeläutet. Freunde hatten Plakate für Klaus gemalt, sangen ihm ein Geburtstagsständchen und zauberten eisgekühlten Sekt und Gläser hervor. Rundum eine gute Stimmung! Wir waren bereit für den Aufstieg zur Alm, wo es dann richtig losgehen sollte. Die Sonne brannte vom Himmel. 
Es war heiß.

Der Weg war ziemlich steil, sollte aber in einer knappen Stunde zu bewältigen sein. Vielleicht lag es daran, dass ich statt einem Glas, zwei oder drei getrunken hatte, oder dass ich einen ziemlich hohen Blutdruck hatte, mit Übergewicht kämpfte und unter Diabetes litt. Vielleicht war ich auch einfach zu untrainiert – nach gut hundert Metern machte ich schlapp.

Mir brach der Schweiß aus, ich fühlte mich schlecht. Meine Lippen begannen plötzlich zu bitzeln. Moment Mal! Lippen bitzeln? Da war doch was. Das war doch ein Symptom für irgendwas. Das wusste ich genau. Nur für was? 
Mein Schutzengel ging neben mir, hieß Bonja, war Libanesin und Krankenschwester. Sie merkte sofort, dass da mit dem Typen, der neben ihr versuchte, den Berg zu erklimmen, irgendwas definitiv nicht in Ordnung war.

Ich merkte nichts! Aber ich erzählte ihr von dem Bitzeln meiner Lippen.

Innerhalb dreißig Sekunden, saß ich auf ihre Anweisung hin auf dem Boden und sie orderte per Handy die Bergrettung. 
Warum das denn bitte? Bisschen ausruhen hätte doch nun wirklich gereicht. 
Bonja hatte allerdings bereits registriert, dass mein linkes Bein seltsame Bewegungen vollzog und auch mein linker Arm irgendwie unkoordiniert schlenkerte. Mir war das nicht aufgefallen. Für mich war die Welt in Ordnung.

Das war sie auch noch, als die Bergrettung kam. Blutdruck messen, Kreislaufmittel, Kanüle gelegt. Auf Fragen konnte ich problemlos antworten. Als ich dann aufstehen wollte, merkte ich, dass das nicht klappte. Warum wusste ich nicht. Ich hatte keine Schmerzen. Irgendwas war. Aber was? “Ganz ruhig bleiben Herr Pressler!”

Ja verflixt noch mal! Ich war doch ruhig!

Ziemlich flott ging es talwärts, wo mich ein Notarzt erwartete und ebenfalls seine Fragen an mich stellte. Da plötzlich wurde mir schlecht. Der Arzt konnte mir gerade noch die Schale hinhalten. Im örtlichen Krankenhaus hat man sofort abgewunken: “Der hat einen Schlaganfall. Den können wir hier nicht behandeln. Wir haben aber einen Hubschrauber geordert. Der fliegt ihn in eine Spezialklinik.”

Irgendwann war ich wohl kurz weg. Als ich wieder erwachte, kam ich mir vor wie in einem amerikanischen Actionfilm. Riesenkrach! Mann mit Helm und Maske beugt sich über mich.

Ich fragte: “Bin ich in einem Rettungshubschrauber?” Die Maske nickte – und dann war ich auch schon wieder weg. Dieser Zustand des ‚Ich bin dann mal weg!’ sollte drei Wochen andauern. Daher weiß ich das, was in dieser Zeit passierte, nur aus Erzählungen.

Nach einer lebensbedrohlichen Operation wurde ich in ein künstliches Koma versetzt.
Auf der Intensivstation dieser oberbayrischen Klinik am Inn sah mich meine Frau zum ersten Mal seit diesem fröhlichen Treffen am Vortag von Klaus’ Geburtstag. Er und Elke hatten sie hergebracht. Zunächst hatte ja keiner gewusst was überhaupt los war.

Bianca hatte sich vor Ort ein Zimmer genommen. Unsere Tochter kam aus Frankfurt, um der Mama beizustehen.

Zu diesem Zeitpunkt war noch völlig ungewiss, ob ich überleben werde und wenn ja, wie dieses Überleben aussehen wird. Nach zwei Wochen wollten auch die Ärzte wissen, wie es weitergehen würde und holten mich wieder zurück. 

Als ich zu mir kam lag ich auf dem Krankenhausflur und spürte ein dringendes Bedürfnis. Ein Gefühl, das mich in den unmöglichsten Situationen gerne überkam. So auch jetzt!Ich sah im Hintergrund eine Tür, die offensichtlich zu einem Besucher-WC führte.

Ich dachte mir: Da gehst du jetzt hin! Ein Vorhaben, das fatal hätte enden können. Ich hatte nämlich erstens eine Blasenkatheter und war zweitens ziemlich verkabelt. Just in dem Augenblick, in dem ich den Satz aus dem Bett machen wollte, kamen zwei junge Männer zu mir und erklärten mir fröhlich, dass sie mich jetzt mit dem Sanka nach Königstein im Taunus bringen würden.

Heimat. Aber eine ziemlich lange Strecke von Südbayern nach Hessen.
Leider erklärte mir dann einer der Sanitäter weit weniger fröhlich, dass ausgerechnet in diesem Krankentransporter die Klimaanlage ausgefallen sei. 

Fünfeinhalb Stunden. Im August. Bei glühender Hitze.

Das war heftig. Doch auch zu diesem Zeitpunkt wusste ich immer noch nicht wirklich genau, was eigentlich los war. 

Das sollte sich jedoch bald ändern. Ende - Schloss

 

Das Ende einer langen Gefangenschaft

Achim, Erinnerungen aus dem Jahr 1949

Ich war gerade 17 Jahre alt, als ich im September 1945 in russische Gefangenschaft geriet. Immer wieder zogen wir in andere Lager. Immer in Sibirien. Im September 1949 häuften sich die Gerüchte, dass wir so nach und nach freikommen sollten. Und obwohl wir uns mit unseren Wachen schon beinahe freundschaftlich standen, gab es keinen größeren Wunsch, als endlich die Heimat wieder zu sehen.

In den Sommermonaten, wenn die Straßen und Wege von Morast und Schlamm getrocknet waren, hatten die Posten, allen voran der Postenführer, einen Heidenspaß daran, uns im Gleichschritt marschieren und singen zu lassen.

Und so zogen wir oft durch Ansherka im Gleichschritt zum Schacht und sangen „Ein Heller und ein Batzen“ oder „Der blaue Dragoner“ – sehr zur Freude unserer Wachmannschaft und der Zivilbevölkerung!

Aber wir hatten auch etwas davon, weil sich durch diese Spielchen das Klima zwischen Bewachern und Gefangenen etwas entspannte. 
Im Schacht selbst gewöhnten wir uns an die harte Arbeit sowie an die russischen Sitten. Wir lernten ein wenig Russisch und konnten prima russisch fluchen. Wir absolvierten alle anfallenden Arbeiten.

Schließlich hatten wir ein geradezu freundschaftliches Verhältnis zu den russischen “Schachtjories”, verdienten etwas Geld und erfüllten die Normen der Russen bald besser als sie selbst.

Mitte November standen wir in der Früh minutenlang bei minus 40 Grad vor dem Lagertor und warteten auf das Auszählen und Ausrücken. Es geschah nichts. Ich fühlte mich nicht gesund, fror, und hatte Husten. Dann plötzlich hieß es: Zurück in die Baracken. Man munkelte, dass ein Transport in die Heimat vorbereitet wurde.

Ich war froh, mich hinlegen zu können. Die Gerüchteküche brodelte. Tatsächlich kam der Kompanieführer mit einer Liste derer, die in die Heimat entlassen wurden. Und endlich war ich auch dabei.
Ich konnte es kaum fassen. 
Nach über vier Jahren – Weihnachten daheim!

Allerdings fühlte ich mich so krank, dass ich auf die Krankenstation musste. 
Diagnose Lungenentzündung mit hohem Fieber.
Während meine Kumpels sich also auf ihre Heimreise vorbereiteten, zog ich ins Lazarett. Ein Wettlauf gegen die Zeit begann.
Den ich verlor!
Ein Ärzteteam untersuchte mich auf Transportfähigkeit und kam zu dem Urteil: “Nelsja!” Es geht nicht. 

Und so schaute ich aus dem Lazarettfenster zu, wie meine Kumpels aus dem Lager marschierten, um die Heimreise anzutreten.

Es ist mir heute noch nicht möglich, die Gefühle, die ich bei diesem Anblick hatte, zu beschreiben.

Die Kameraden waren Weihnachten zu Hause. Wo würde es mich hin verschlagen? Das Lager war aufgelöst. Und wir – der kranke Rest aus dem Lazarett – machten das Licht aus, um in ein neues Lager umgesiedelt zu werden.

Diesmal ging es nach Stalinsk. Ich war traurig. Wieder auf dem Damm, arbeitete ich in einer Fabrik, die Betonfertigteile herstellte. In dieser Zeit der ständigen Trostlosigkeit und Ungewissheit über unser weiteres Schicksal erreichte uns in einer Nachtschicht durch das Kommando der Essenbringer aus dem Lager die Parole, dass es eine neue Liste von Gefangenen gäbe, die zum Transport in die Heimat vorgesehen sind.

Wieder ein Strohhalm. Wieder ein Fünkchen Hoffnung. 
Am 18. Dezember 49 wurde eine neue Liste verlesen. 
Und ich war dabei! Nun ging alles ganz schnell. Am 21. Dezember, Stalins Geburtstag, war es soweit. Der Zug Richtung Westen setzte sich mit mir an Bord in Bewegung. 
Ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Auf Bahnstationen, wo der Zug hielt, hatten wir die Erlaubnis, Trinkwasser aus einem kleinen Ziehbrunnen in der Nähe des Bahnsteigs zu holen.

Dazu gingen immer zwei Mann pro Waggon mit je zwei Eimern los. Bei ca. 40 Waggons war der Andrang natürlich riesig. Alles musste sehr schnell gehen. Und so kam es, dass just in dem Augenblick, als wir am Brunnen waren, die Lokomotive unseres Zuges pfiff und der Zug sich in Bewegung setzte. Wir ließen den Eimer fallen und liefen um unser Leben, um unseren Waggon zu erreichen. Die Kameraden ergriffen unsere ausgestreckten Hände und zogen uns in den Wagen.

Nicht auszudenken, wenn wir dort die Weiterfahrt verpasst hätten. 
Dieser Schreck sitzt noch heute so tief, dass es sich mindestens einmal monatlich in heftigen Albträumen widerspiegelt.

Dabei wiederholt sich ständig eine Situation, in der ich nicht fertig werde beim Zusammenpacken meiner paar Sachen und immer Schwierigkeiten habe, rechtzeitig am Lagertor zur Entlassung mit den anderen Kumpels zu erscheinen. Immer verbunden mit der Angst, es nicht zu schaffen und zurückbleiben zu müssen.
Gott sei Dank wache ich dann meistens auf! Ende - Schloss

 

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