Als wär dein Kopf ein Karussell

Pubertät – Wenn Eltern schwierig werden.

Ein Erklärungsversuch für wehrlose Erziehungspflichtige

 In deinem Kopf ein Karussell – und alles dreht sich irgendwie zu schnell (Christina Stürmer in „Millionen Lichter“)

Es beginnt in den allerwenigsten Fällen schleichend. Und somit besteht bedauerlicherweise kaum eine Chance, dass Eltern sich langsam auf das Unvorstellbare vorbereiten können, das vor ihnen liegt und in den nächsten Jahren ein steter Begleiter sein wird.

Eines Tages ist sie einfach da. Die Pubertät!

Es beginnt mit gewissen sagen wir mal emotionsgeladenen Situationen. Da hofft das betroffene Elternteil noch – in 90 Prozent der Fälle ist es die Mutter, fragen Sie mich nicht warum – sich verhört zu haben. Kann nicht sein!

Je nach Persönlichkeitsstruktur und pädagogischer Vorkenntnis folgt jedoch früher oder später die gnadenlose Gewissheit: Nein! Ich habe mich nicht verhört. Ja! Mein Kind hat gerade Ich hasse dich! gebrüllt und die Tür zu seinem Zimmer mit einem lauten Knall sanft hinter sich ins Schloss fallen lassen. Und nein, es ist nicht besser, ihm jetzt nachzugehen und zu fragen, was das denn bitte sollte. Es sei denn, man möchte sich durch die geschlossene Tür ein vehementes „Hau ab“ oder noch schlimmer „Verpiss dich!“ zubrüllen lassen.

Anfangs, wenn das sanftmütige Kind noch nicht so routiniert im Umgang mit diesem neu und in Windeseile erworbenen Vokabular ist, hört man zuweilen noch ein geradezu freundlich anmutendes „Lass Mich In Ruhe“ oder „Sei leise“.

Genießen Sie es. Sie werden in den nächsten Jahren wehmütig an diese liebliche Form der Zurückweisung denken.

Würde sich die Erweiterung des Sprachschatzes der Teenies in dieser Zeit auch nur annähernd so rapide im Rahmen des Französisch-, Englisch- oder Lateinunterrichts entwickeln, wir wären begeistert und würden umgehend die Info-Broschüren zu Auslandsstipendien anfordern.

 

Nun mag so mancher Elternteil die Augenbrauen lupfen und pikiert vor sich hin murmeln: „So weit kommt’s noch.“ Und: „Das möchte ich nur einmal hören. Dann setzt es aber was.“

Nun: Ich habe zwei Nachrichten für Sie. Eine gute und eine schlechte. Welche zuerst? Die schlechte? Okay:

Sie werden es hören! Ihr Kind befindet sich nämlich in der Pubertät und somit in einem Zustand extrem mangelhafter wenn nicht ungenügender Impulskontrolle.

Und jetzt die gute: Wenn Sie es hören, bedeutet das, dass Sie ziemlich viel richtig gemacht haben.

Ich weiß, dass es Eltern gibt, die mit mitleidiger Miene vor Ihnen stehen, während Sie gebeutelt Ihr Leid klagen, und völlig verständnislos sagen: Das kenne ich nicht. Meine/r macht das nicht.

Das mag beneidenswert erscheinen – ist es aber definitiv nicht. Aber dazu später.

Wenn Kinder so richtig gewissenlos in die Pubertät kommen, ist das für Eltern oft ein Schock.

Es lässt sich mit nur einer Sache vergleichen:

Stellen Sie sich vor, Sie haben über Jahre hinweg Ihren ganz persönlichen Computer programmiert, damit er einwandfrei funktioniert und alles, was Sie sich für wichtig erachten, eins zu eins realisiert.

Sie stehen kurz vor der Vollendung dieses extrem wichtigen Projektes – glauben Sie.

Und eines eher weniger schönen Tages sitzen Sie vor dem Bildschirm, und die einzige Anzeige, die Sie sehen, lautet: ERROR! DELETED CONTENT COMPLETELY!

Die Mär von der vergessenen Erziehung

In den mal mehr mal weniger kompetenten Ratgebern zu diesem Thema wird oft ein Bild gezeichnet, das ich nicht nur sehr liebevoll, sondern vor allem sehr zutreffend finde: Eltern sollten sich ihr pubertierendes Kind mit einer hübsch kolorierten Banderole um den Kopf vorstellen, auf deren Stirnseite für circa vier Jahre geschrieben steht: Wegen Umbau vorübergehend geschlossen.

Das trifft es!

Umbau! Bitte nicht zu verwechseln mit Abrissbirne. Denn das stimmt absolut nicht.

Die meisten Eltern von, allem Anschein zum Trotz, gesunden Kindern kennen zumindest annähernd folgende Situation:

Sie verlassen die häusliche Begegnungsstätte mit der halbwüchsigen Protagonistin ihres Lebens, die Ihnen soeben hasserfüllt erklärt hat, dass Sie der Zustand ihres Zimmers einen Scheiß anginge, Sie sich verpissen sollten, jedoch nicht ohne vorher endlich mal ihre Schmutzwäsche an den unmöglichsten Orten zusammen zu suchen und sie gefälligst zu waschen. Es wäre nämlich absolut NICHTS mehr zum Anziehen im Schrank. Und wieso ist eigentlich keine Nutella da?

Und wie Sie da tief durchatmend und verzweifelt ob der Unflätigkeit in der Ausdrucksweise der Rotzgöre Ihre Einkäufe erledigen wollen, kommt Ihnen im Supermarkt, just in dem Gang mit der Nutella, die nette ältere Dame aus der Nachbarschaft entgegen. Sie spricht Sie an: „Ach hallo! Schön, dass ich Sie auch mal sehe. Kürzlich habe ich Ihre Tochter getroffen.“

Und während Sie langsam erblassen und Ihnen winzige Schweißtröpfchen auf die Stirn treten, flötet es auch schon: „So ein entzückendes Mädchen. Und so höflich. Wir sind im selben Bus gefahren und sie hat mir meine Einkäufe bis zur Haustür getragen. Und wir haben ganz wunderbar geplaudert. Wirklich ein bezauberndes Mädel. Und so gescheit.“

Widerstehen Sie der Versuchung, sich umzudrehen, um zu erkunden, mit wem die Dame spricht. Und fragen Sie bitte auch nicht nach: „Sie meinen aber nicht MEINE Tochter!?“

Doch! Genau die meint sie. Und nein, die liebenswerte ältere Dame hat keineswegs fantasiert. Es war so!

Sie haben gar keine Tochter? Dafür aber einen Sohn? Gut. Dann eben so:

Der eigene Knabe kommt heim, ohne seine Drecksbotten auch nur provisorisch auf der Fußmatte abgeputzt zu haben. Die Klamotten, die an seinem Körper hängen, muss er unterwegs aus einem Altkleider-Container geklaubt haben. Er flegelt sich halb liegend an den Mittagstisch und gibt beim „essen“ Geräusche von sich, die Ihnen den Appetit vergehen lassen. Ach, was hatte der Kleine mit fünf Jahren doch für gute Manieren. Anschließend schlappt er wortlos aus dem Raum, um in seiner völlig vermieften Bude vor dem PC zu chillen, nicht ohne zuvor die Tür seines Zimmers hinter sich zu zu pfeffern.

 

Merke! Die Benutzung von Türklinken stellt in der Pubertät bei beiden Geschlechtern eine unüberbrückbare Hürde dar.

Bei seinem besten Freund stellt sich das alles komplett anders dar. Der Maxi/Kevin/Yannik…. kommt immer erst zu Ihnen, um Guten Tag zu sagen, fragt, wie es Ihnen geht, hat selbstverständlich seine Schuhe bereits vor der Tür ausgezogen und beantwortet Ihre Frage nach etwas zu trinken höflich mit: „Ja gerne. Ein Glas Wasser bitte, wenn es keine Umstände macht“.

Sparen Sie sich bitte jedweden sehnsuchtsvollen Seufzer und vor allem jeden (!!) Kommentar, denn es wird kommen der Tag, an dem Sie Maxi/Kevin/Yanniks Mama treffen werden, die Ihnen in den höchsten Tönen von den nahezu perfekten Umgangsformen IHRES Filius zu berichten weiß, währen der Flegel, der weiland ihrem eigenen Schoß entsprang, unmögliche Manieren hat, die Zähne höchstens zum Essen auseinander bekommt und Vokabeln wie bitte und danke längst in der Raritätenkammer seines Sprachzentrums abgelegt hat.

Ähnliches ist übrigens im Territorialbereich der jeweils besuchten Schule zu beobachten. In den seltensten Fällen benehmen sich ausgewogen ernährte und erzogene Teenies dem Lehrpersonal gegenüber unpassend, wenn sie alleine sind.

So! Und jetzt komme ich wieder zu der ziemlich vorne erwähnten guten Nachricht, Sie hätten so ziemlich viel richtig gemacht.

Genau an diesen externen Verhaltensweisen lässt sich nämlich erkennen, ob Ihr Kind wirklich so dissozial ist wie es scheint, sobald es seine Füße unter Ihren Tisch steckt.

Oder ob dieser Tisch nicht viel mehr in einer Umgebung steht, die dem Sprössling die nötige Sicherheit und Geborgenheit vermittelt, die er braucht, um sich langsam aber sicher als eigenständiger Mensch zu spüren, der eigene Entscheidungen treffen darf, eigene Verantwortung tragen soll und aus selbst verursachten Fehlern entsprechende Konsequenzen spüren muss.

Warum benimmt der Teenager sich denn gerade zu Hause wie der letzte Vollproll? Warum verletzt und beleidigt er gerade die, die alles für ihn tun? Warum macht er gerade vor den Menschen emotional dicht, die ihn bedingungslos lieben?

Eben drum!

Es wäre wohl kaum erstrebenswert, wenn sich unsere Nachkommen auf dem heimischen Sofa benähmen wie kleine Lämmer, um sich bei fremden Menschen aufzuführen wie dem Mittelalter entsprungene Berserker.

Und das wäre auch nicht zielführend.

Denn auch wenn es in der Akutphase der Pubertät enorm schwer zu erkennen ist: Diese Zeit hat nicht nur ihren Sinn, sondern ist geradezu lebensnotwendig für eine gesunde Entwicklung.

Und damit meine ich nicht nur die Entwicklung der Persönlichkeit Ihres Teenagers, sondern ganz wesentlich auch die Entwicklung der kommenden Beziehung zwischen Ihnen und Ihrem Kind.

Was bedeutet eigentlich Abgrenzung?

Wenn Kinder in die Pubertät kommen, verändert sich nicht nur ihr Verhalten, sondern das der gesamten Familie.

Alles was bisher in Ordnung schien, gerät jetzt aus den Fugen. Die klaren Strukturen, die zu einem berechenbaren Miteinander beitrugen, gibt es nicht mehr. Stattdessen erscheint es so, als würden jeden Tag neue Gesetze gelten.

Ganz oft erleben Eltern das Verhalten ihrer Kinder als einen gezielten Eingriff in das familiäre Gefüge. Sie sind es, die sich verändern. Die Eltern haben ihre Entwicklung schließlich schon abgeschlossen.

Ach ja? – Nein! Ganz im Gegenteil. Jetzt geht es noch mal richtig los.

Pubertät ist, wenn die Eltern schwierig werden. Was für viele klingt wie ein Witz, ist für unsere Kinder – manchmal bitterer – Ernst.

Versetzen wir uns doch einmal in ihre Lage.

Dazu gilt es, sich zunächst eins zu verdeutlichen: Die Kinder merken vorderhand nur wenig von ihrer eigenen Veränderung.

Es ist beileibe nicht so, dass der holde Teenie realisiert: Aah. Ich benehme mich ja ganz komisch. Ich hasse meine Eltern und meine Lehrer. Ich erlebe die selben Dinge, die ich gestern ganz toll fand, heute als total bescheuert. Ich lasse sämtliche Manieren beim Heimkommen vor der Tür zurück. Ich habe eine tierisch große Klappe mit schrecklich wenig dahinter, was ich hinter einer unverschämten Respektlosigkeit verberge, und meine Gefühle verändern sich von jetzt auf gleich, womit ich gleich gar nicht klar komme – ich muss wohl in der Pubertät sein!

Wenn überhaupt irgendetwas davon vom Kind realisiert wird, ist es der Teil: womit ich gleich gar nicht klar komme.

Wohl so ziemlich alle Eltern WISSEN, dass ihr Kind irgendwann einmal in die Pubertät kommen wird. Und es gibt genügend Möglichkeiten, sich zu informieren. Sie können Bücher darüber lesen. Sie können sich mit anderen Eltern austauschen. Es gibt Zeitschriften noch und nöcher, die sich ausschließlich mit der Psyche Heranwachsender beschäftigen.

Unsere Kinder haben diese Möglichkeit nicht. Selbst wenn sie diese Quellen anzapfen würden, könnten sie die empfangenen Informationen nicht verarbeiten, geschweige denn umsetzen. Zu Beginn merken sie nicht einmal eine Veränderung. „Nicht in dem Ton, Fräulein!“ oder „Beeilst du dich vielleicht mal, junger Mann?“ sind Aufforderungen, die das Kind zunächst einmal enorm irritieren, weil es nicht versteht, warum Sie ein Verhalten, das bislang völlig okay war, plötzlich kritisieren. Dass sich dieses Verhalten bereits verändert hat, nimmt es nicht wahr.

Sie hat doch völlig normal gesprochen. Und er hat doch gar nicht getrödelt.

Wenn Mädchen nach einem entschiedenen Anschiss seitens der Eltern plötzlich zu weinen anfangen, in ihr Zimmer rennen und die Tür hinter sich zu schmeißen, ist das kein Trotz, keine Provokation, sondern schiere Verzweiflung.

Sie fühlt sich total ungerecht behandelt! Wieso reagieren Sie so? Was hat sie denn bitte JETZT SCHON WIEDER falsch gemacht?

Das Gleiche gilt für den Sohn, der nach einer Auseinandersetzung hasserfüllt in seinem Zimmer unter den Kopfhörern verschwindet, die Mucke hoch dreht und in den nächsten Stunden unsichtbar bleibt.

Der Prozess der Abgrenzung hat begonnen.

Zunächst unbewusst, werden später ganz gezielt Prozesse und Situationen gesucht oder gar konstruiert, in denen Dinge prinzipiell anders gemacht werden als die Eltern es erwarten oder bislang gewohnt waren.

Erziehung läuft scheinbar ins Leere. Und ist doch jetzt mindestens genauso wichtig wie bisher.

Manche Eltern kommen da auf die putzigsten Ideen. Naheliegend scheint es beispielsweise manchen, einfach das Gegenteil von dem zu fordern was man eigentlich will – in der Hoffnung, dass das Kind dann wiederum das Gegenteil und somit das Erwünschte tut. Dem steht entgegen, dass der Nachwuchs zwar ein wenig seltsam mutiert, dabei aber keineswegs der völligen Verblödung anheim gefallen ist.

Gerne wird auch vor allem von Eltern, die ohnehin Schwierigkeiten mit dem persönlichen Alterungsprozess haben, dieser schlicht negiert und kurzerhand in die Klamottenkiste des Nachwuchses gegriffen.

Da stehen die SoUmDieVierzig-Eltern dann bei H&M, NewYorker und Primark neben unangenehm berührten Teenagern an der Kasse, um die Kids künftig mit offenen Chucks, Buggy-Jeans und raus hängenden Motiv-Shirts (Väter) oder knallbunten Schmuck-Accessoires, zerrissenen Jeans und bauchfreien Tops (Mütter) zur Schule oder zum Training zu kutschieren. Wie peinlich ist das denn bitte?

Wenn man blöderweise schon mal Eltern hat, dann sollen sie bitte auch als Eltern rumlaufen. Und nicht versuchen, wie ein plumper Abklatsch eines selbst auszusehen. Geht gar nicht!

Gleiches gilt übrigens auch für den Sprachgebrauch. Bleiben Sie bei Ihrem vertrauten „Schrei hier nicht so rum“, „Sei nicht so vorlaut“ und „Geh bitte in dein Zimmer“ statt sich mit „Ey, chill doch mal“, „Einfach mal Fresse halten“ und „ Mach mal nen turn, Digga“ auf ein Niveau zu begeben, auf das auch der am wenigsten starke unter den Halbstarken noch in der Hocke runterschaut.

Konsequenz und Authentizität

Bevor Sie in dieser Entwicklungsphase spontan irgendwelche Ihnen gebotenen Maßnahmen ergreifen, tun Sie sich einen Gefallen:

Nehmen Sie sich eine gemütliche Tasse Kaffee/Tee oder was auch immer Sie gerne trinken – außer Alkohol, Sie brauchen einen klaren Verstand! – und eine Stunde konzentrierte Ruhe. Gehen Sie in sich und fragen Sie sich wer Sie sind, was Ihnen wichtig ist und was Sie auf keinen Fall möchten. Und welche Kompromisse Sie machen können bzw. auf keinen Fall eingehen möchten.

Machen wir uns nichts vor. Wir können noch so ruhige und ausgeglichene Menschen sein, das eigene pubertierende Kind bringt bislang unbekannte Saiten in uns zum vibrieren. Und das sind wahrlich nicht unsere besten. Wir schreien rum, sind unbeherrscht, manchmal rutscht uns die Hand aus, was niemals hätte passieren dürfen, wir machen uns ständig Sorgen, sind alles andere als entspannt, lieben unser Kind über alles in der Welt und kennen doch die Nummer des Amtes für Adoption auswendig.

Da wir auch nur Menschen sind, die in ihrer Geschichte und ihren Emotionen gefangen sind, ist dies alles ziemlich normal und es bringt überhaupt nichts, sich deswegen pausenlos Vorwürfe zu machen. Das einzige was wirklich von eklatanter Bedeutung ist, ist Authentizität.

Heute so, morgen anders kann unser Kind nun wahrlich besser.

Also sollten wir das tun, womit wir unseren Kindern und auch uns dauerhaft am meisten helfen: Halt geben. Indem sie sich auf uns verlassen können. Soll heißen: wenn Sie in Ihrer ruhigen Kaffee- bzw. Teestunde bestimmte Verhaltensweisen als No Go für sich festgelegt haben, dann sind sie ein No Go! Und bleiben es! Punktum!

Manche Teenager ermöglichen ihren Eltern trotz Pubertät noch eine gewisse Basisdemokratie, die es gestattet, die eine oder andere Entscheidung gemeinsam zu treffen. Rechnen Sie bitte damit, dass diese Entscheidung von ihrem Kind schon bald in Frage gestellt wird, wenn es sich überhaupt noch daran erinnert. Vermeiden Sie Diskussionen – es sei denn, Sie haben vorher zu Valium gegriffen, wovon ich abrate – und bleiben Sie konsequent. „Kann ja sein, dass du dich nicht an die Vereinbarung erinnerst, unter der Woche um neun daheim zu sein, aber ich erinnere mich sehr wohl. Und deshalb mein Schatz, bist du um neun zu Hause. Basta!“

Halten Sie es aus, wenn ein erbostes „Du bist gemein! Ich hasse dich! Blöde Kuh!“ Rums! folgt. Das gerät genauso schnell in Vergessenheit wie die getroffene Vereinbarung. Spätestens, wenn Sie vom Einkauf drei Tafeln Lieblingsschokolade mitbringen, sind Sie die liebste Mama der Welt!

Aber Vorsicht! Bevor Sie zu solch gut gemeinten Versöhnungsangeboten greifen, vergewissern Sie sich unbedingt, ob der weibliche Nachwuchs gerade eine Diät macht oder aber in einschlägigen Jugendmedien soeben herausgefunden hat, dass Schokolade Pickel macht. Sonst könnte es sein, dass aus der Friedenspfeife ein Zankapfel wird, begleitet von dem abstrusen Vorwurf, das sei ja mal wieder typisch. „Dir ist es natürlich scheißegal, wenn ich fett werde und Pickel kriege und VON ALLEN gedisst werde!“ – Binnen drei Tagen kommt ein sehnsüchtiges: „Mamaaa? Hast du noch die Schokolade von neulich?“

Und damit sind wir bei der einzigen Konstante in dieser Zeit: Nichts ist von Dauer!

Und nun mal Butter bei die Fische: Gestatten Sie gelegentlich etwas, was Sie eigentlich verboten haben – nur um Ihre Ruhe zu haben?

Verbieten Sie zuweilen etwas, das sie letzte Woche erlaubt haben, weil es Ihnen plötzlich doch zu riskant erscheint?

Ganz schlecht!

Erziehen Sie nicht aus momentaner Laune heraus. Das spüren die Kinder. Sie können Ihre Regeln nicht mehr ernst nehmen und verlieren die Orientierung.

Im schlimmsten Falle hat dies zur Folge, dass die Kids ihre eigenen Entscheidungen treffen, ohne Sie daran Teil haben zu lassen. Der Grundstein zu künftigen Lügen wäre dann gelegt.

Halten Sie es aus, dass Ihre Kinder Sie verfluchen, hassen, anbrüllen oder ignorieren. Wenn es Ihnen zu viel wird, schreien Sie eben mal zurück. Machen Sie aus Ihrem Herzen keine Mördergrube – aber bitte bleiben Sie konsequent.

Es lohnt sich. Wenn Sie Glück haben, können Sie ihr eben noch Vulkan spielendes Töchterchen mit der Freundin am Telefon hören: „Nein, ich darf nur bis neun. Hab ich auch gesagt, aber keine Chance…. Vergiss es! Wenn die Nein sagt, meint sie nein. Ist halt so.“ Das ist natürlich keine Aufforderung, die Gespräche ihrer Kinder zu belauschen, aber wenn Sie’s rein zufällig mitbekommen, werden Sie ganz schnell den Respekt und die Anerkennung heraushören können. Das kann sogar ein paar Monate später zu einer unerwarteten Bitte führen: „Mama, die Anna und die Sophie wollen heute Abend in die Shisha-Bar. Ich hab aber keinen Bock. Kann ich sagen, ich darf nicht?“

Von wegen Scherz!– So was gibt es. – Selbst erlebt.

Überhaupt kann man durchaus auch in der Pubertät einige schöne und nachhaltige Erlebnisse haben. Eine Mutter, die der felsenfesten Überzeugung war, dass ihre Tochter sie abgrundtief verabscheut und verachtet, die nur selten mit ihr sprach – sprach! geschrien hat sie öfter – und von deren Leben sie absolut nichts zu wissen glaubte, hatte ein solch positives Erlebnis am gemeinsamen Mittagstisch. Die Tochter plauderte ein wenig über die Freundin und dass die jetzt das und das gemacht habe und überhaupt, hätte die gar kein Vertrauen zu ihrer Mom. „Das ist nicht so wie bei uns. Die haben längst nicht so ein gutes Verhältnis.“

Paff! Dem holden Mütterchen hat es die Sprache verschlagen. Sie war aber klug genug, sich ihre kolossale Verwirrung nicht anmerken zu lassen.

A propos Mittagstisch – natürlich ist mir klar, dass es in vielen Familien nicht möglich ist, gemeinsam Mittag zu essen. Das ist auch nicht wirklich schlimm. Wertvoll wäre es allerdings, wenn man schon in vorpubertären Zeiten ein paar von allen Beteiligten gerne eingehaltene Rituale festgelegt hätte, die auch in diesen schweren Zeiten ein Fixpunkt der Verlässlichkeit und Vertrautheit blieben.

Gestatten Sie mir einen kleinen Abstecher in meine eigene Jugend:

Mein allein erziehender, beruflich sehr eingespannter Vater legte uneingeschränkt Wert auf ein gemeinsames Frühstück am Wochenende. Und das, obwohl ich einer von diesen typischen Teenies war, für die 12 Uhr mittags ähnlich klingt wie sechs Uhr morgens. Also einfach grausam.

Um es mir etwas einfacher zu machen, hat er sich morgens in aller Ruhe fertig gemacht und ging auf die nahe liegende Shoppingmeile mit Marktständen. Dort frönte er zunächst seiner geheimen Leidenschaft: Hungrig einkaufen. Und da er hier und da einem netten Plausch an den Ständen oder in den Lädchen nicht abgeneigt war, konnte das schon mal dauern. Mindestens eine Stunde, wenn nicht mehr. Je nach Wetter.

Wieder daheim – Tochter pennte noch tief und fest – bereitete er mit viel Vergnügen einen wunderbar üppigen und liebevoll gedeckten Frühstückstisch vor. Sodann presste er ein Netz Orangen aus – mit der Hand versteht sich – und brühte frischen Kaffee auf. Nachdem er schlussendlich noch eine Schallplatte (!!!) mit klassischer Musik aufgelegt hatte (Ritual!!), kam er mit einer Tasse Kaffee und einem Glas frischem O-Saft an mein Bett und weckte mich mit den Worten: „Frühstück ist fertig.“

Klasse, oder? Zumal er intuitiv eines erfasst hatte: Fast noch ausgeprägter als das Schlafbedürfnis eines Teenagers ist sein Hunger. Wenn dieser also morgens gegen elf – also eigentlich mitten in der Nacht – mit dem Duft von frischen Brötchen und Kaffee geweckt wird und aus Erfahrung weiß, was für ein Gaumenschmaus da wartet, wird der Zeitaufwand für Gesicht waschen und Haare kämmen verschwindend gering, zumal mein stets in Anzug und Krawatte erscheinender Vater mir an diesen Morgen den Bademantel erlaubte.

Über meine anfängliche Wortkargheit beim Frühstück – alles hat seine Grenzen – hat er munter weg geplaudert. Und nach der dritten Tasse Kaffee war ich so weit im Leben angekommen, dass ich auch etwas sagen konnte. Diese Samstagsfrühstücke sind mir noch heute in schöner Erinnerung.

Sie waren für mich Hort der Geborgenheit. Hier blieb ich das Kind, das sich an einen gedeckten Tisch setzte, versorgt und verwöhnt wurde.

Dass ich mich unter der Woche vorwiegend allein versorgte und den Haushalt führte, war an solchen Tagen vergessen.

Warum eigentlich das alles?

Ich halte ehrlich gesagt nicht so viel von diesen Kategorien Helikopter-Eltern, Kumpel-Eltern und so weiter. So lange Eltern ihren Kindern Liebe und Geborgenheit geben, ohne sie zu ersticken oder zu kopieren, können sie meiner Meinung nach nicht wirklich viel falsch machen.

Dennoch lässt sich die Beobachtung machen, dass es wirklich Eltern, bzw. Mütter gibt, deren Kinder das Thema Pubertät zu einer unbedeutenden Fußnote machen. Sie lehnen sich nicht auf, sind so was wie ordentlich, kommen in der Schule gut mit, haben keine Probleme in der Peer Group und gelegentlich mal ein pampiges Wort oder Augen verdrehen ist schon das höchste der negativen Gefühlsäußerungen. Ich kann jede Mutter eines solchen Kindes in ihrer Freude und Dankbarkeit darüber verstehen.

Steht sie doch mit einem kolossalen Erstaunen den Eltern gegenüber, die mindestens drei Mal täglich Gewaltfantasien haben, die Super-Nanny anrufen möchten oder den Koffer mit dem Nötigsten gepackt haben, um ihn mitsamt Nachwuchs im Laderaum des nächsten Überseefrachters zu verstauen. Kuala Lumpur, Timbuktu, Atlantis oder so!

Frei nach dem Motto: Will das noch jemand oder kann das weg?Diese davon verschonten Erzeuger haben natürlich allen anderen gegenüber einen Riesenvorteil! – Ihre Kinder allerdings nicht.

Gerade das nämlich, was der Pubertät den für Eltern nur rudimentär erkennbaren Sinn verleiht, bleibt diesen Kindern verborgen. Die dringend nötige Fähigkeit zu Abgrenzung und Eigenständigkeit.

Das Kind kann den Abnabelungsprozess nur einleiten, indem es ausprobiert wie sein Leben aussieht, wenn es selbst bestimmt ist. Wenn es seine Meinung vertritt, egal ob sie seinen Eltern passt oder nicht. Wenn es für andere eintritt, weil es Ungerechtigkeit erkennt und sie nicht hinnehmen kann. Wenn es streitet, weil es nicht einsieht, etwas tun zu sollen, das es nicht will. Wenn es sich der Liebe seiner Eltern so sicher ist, dass es weiß, dass sie trotz allem (!!!) ihre Gewaltfantasien unterdrücken, die Super-Nanny bei RTL lassen und den Koffer für Atlantis wieder auspacken.

Das Wichtigste allerdings ist, dass sie wissen, dass sie ihren Eltern das zumuten können!

In dieser Zeit gilt für diese zerrissenen Geschöpfe, in ihrer Entwicklung keine Rücksicht auf Stress im Job, Migräneattacken, jüngere Geschwister, leidende Mütter, überforderte Väter, Sucht, Übersensibilität und so weiter nehmen zu MÜSSEN.

Meine Eltern sollen jetzt gefälligst für vier bis sechs Jahre zurückstecken– scheißegal wie schwer es ihnen fällt. Ich hab lange genug gemacht, was SIE wollten. Jetzt sind sie dran. Schließlich – häufiges Teenie-Argument – hab ich es mir nicht ausgesucht, geboren zu werden. Hätten sie sich vorher überlegen müssen.

Und wisst ihr was, liebe Eltern? Ihr ahnt es, gell? Die Kids haben Recht! Absolut Recht!

Natürlich geht es nicht ohne gegenseitige Rücksichtnahme. Aber Hand aufs Herz: Auf Menschen, die ich respektiere, nehme ich doch immer auch eine gewisse Rücksicht. Selbst wenn es nur die Eltern sind.

Und auch wenn Sie Ihre Teens nie mit den engelsgleichen Geschöpfen, die sie als Kinder waren, vergleichen dürfen – für die Kids bleiben wir das was wir damals schon waren. Ihr Schiff in der Brandung. Ihr Anker. Ihr sicherer Hafen. Egal wie heftig die Stürme toben.

Kinder, die keine Kämpfe gekämpft, die keine Grenzen überschritten und die keinen Mut zum Auflehnen haben, werden erwachsen, ohne es zu merken. Sie überschreiten nicht schmerzhaft aber ganz bewusst eine Schwelle, sie sind plötzlich da. Sie haben nicht gelernt, einfach nur auf sich selbst zu hören, sie passen sich an. Sie grenzen sich nicht ab, sie laufen mit. Viele scheuen den Konflikt und wollen auf keinen Fall negativ auffallen.

Ich kenne solche Kinder, und ich kenne deren Eltern.

Selbstverständlich wäre es vollkommen absurd, wenn in diesen Familien plötzlich Streitsituationen provoziert würden, nur damit mal pubertärerer Dampf in die Harmonie fährt.

Aber diese Eltern sind genauso wenig besser, wie die anderen schlechter sind. Und auch ihre Kinder nicht. Es gibt Stärkere und Schwächere. Alles kommt genau so, wie es in der psychischen Struktur und der Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes vorgesehen ist.

Wenn Sie als Eltern schon mitten in der Chaos-Zeit stecken, nehmen Sie sich die Muße und wagen Sie einen Rückblick auf hinter Ihnen liegende Tage und Wochen. Ist es nicht so, dass Sie zwar um jede Einsicht des Nachwuchses kämpfen mussten wie ein Windrad gegen das AKW, sich aber schlussendlich doch durchsetzen konnten? Oder zumindest einen Kompromiss erzielt haben? Das Ergebnis zählt. Nicht der Weg dorthin.

Es ist eine Zeit, die wir alle überstehen und bestehen müssen. Genau wie in allen Beziehungen als Mensch. Es gibt gute Zeiten, schlechte Zeiten. Freuen wir uns über die guten – die schlechten gehen vorbei.

Für Eltern pubertierender aber sonst gesunder Kinder gilt diese auf Facebook gefundene und immer zutreffende Weisheit:

Schließe ab, mit dem was war

Sei glücklich, über das was ist

Bleibe offen, für das was kommt

Das Leben ist schön

Von einfach war nie die Rede!

 

 

 

 

 

 

 

Pubertät – Wenn Eltern schwierig werden.

Ein Erklärungsversuch für wehrlose Erziehungspflichtige

 

In deinem Kopf ein Karussell – und alles dreht sich irgendwie zu schnell (Christina Stürmer in „Millionen Lichter“)

 

Es beginnt in den allerwenigsten Fällen schleichend. Und somit besteht bedauerlicherweise kaum eine Chance, dass Eltern sich langsam auf das Unvorstellbare vorbereiten können, das vor ihnen liegt und in den nächsten Jahren ein steter Begleiter sein wird.

Eines Tages ist sie einfach da. Die Pubertät!

Es beginnt mit gewissen sagen wir mal emotionsgeladenen Situationen. Da hofft das betroffene Elternteil noch – in 90 Prozent der Fälle ist es die Mutter, fragen Sie mich nicht warum – sich verhört zu haben. Kann nicht sein!

Je nach Persönlichkeitsstruktur und pädagogischer Vorkenntnis folgt jedoch früher oder später die gnadenlose Gewissheit: Nein! Ich habe mich nicht verhört. Ja! Mein Kind hat gerade Ich hasse dich! gebrüllt und die Tür zu seinem Zimmer mit einem lauten Knall sanft hinter sich ins Schloss fallen lassen. Und nein, es ist nicht besser, ihm jetzt nachzugehen und zu fragen, was das denn bitte sollte. Es sei denn, man möchte sich durch die geschlossene Tür ein vehementes „Hau ab“ oder noch schlimmer „Verpiss dich!“ zubrüllen lassen.

Anfangs, wenn das sanftmütige Kind noch nicht so routiniert im Umgang mit diesem neu und in Windeseile erworbenen Vokabular ist, hört man zuweilen noch ein geradezu freundlich anmutendes „Lass Mich In Ruhe“ oder „Sei leise“.

Genießen Sie es. Sie werden in den nächsten Jahren wehmütig an diese liebliche Form der Zurückweisung denken.

Würde sich die Erweiterung des Sprachschatzes der Teenies in dieser Zeit auch nur annähernd so rapide im Rahmen des Französisch-, Englisch- oder Lateinunterrichts entwickeln, wir wären begeistert und würden umgehend die Info-Broschüren zu Auslandsstipendien anfordern.

 

Nun mag so mancher Elternteil die Augenbrauen lupfen und pikiert vor sich hin murmeln: „So weit kommt’s noch.“ Und: „Das möchte ich nur einmal hören. Dann setzt es aber was.“

Nun: Ich habe zwei Nachrichten für Sie. Eine gute und eine schlechte. Welche zuerst? Die schlechte? Okay:

Sie werden es hören! Ihr Kind befindet sich nämlich in der Pubertät und somit in einem Zustand extrem mangelhafter wenn nicht ungenügender Impulskontrolle.

Und jetzt die gute: Wenn Sie es hören, bedeutet das, dass Sie ziemlich viel richtig gemacht haben.

Ich weiß, dass es Eltern gibt, die mit mitleidiger Miene vor Ihnen stehen, während Sie gebeutelt Ihr Leid klagen, und völlig verständnislos sagen: Das kenne ich nicht. Meine/r macht das nicht.

Das mag beneidenswert erscheinen – ist es aber definitiv nicht. Aber dazu später.

 

 

 

 

 

Wenn Kinder so richtig gewissenlos in die Pubertät kommen, ist das für Eltern oft ein Schock.

Es lässt sich mit nur einer Sache vergleichen:

Stellen Sie sich vor, Sie haben über Jahre hinweg Ihren ganz persönlichen Computer programmiert, damit er einwandfrei funktioniert und alles, was Sie sich für wichtig erachten, eins zu eins realisiert.

Sie stehen kurz vor der Vollendung dieses extrem wichtigen Projektes – glauben Sie.

Und eines eher weniger schönen Tages sitzen Sie vor dem Bildschirm, und die einzige Anzeige, die Sie sehen, lautet: ERROR! DELETED CONTENT COMPLETELY!

 

Die Mär von der vergessenen Erziehung

 

In den mal mehr mal weniger kompetenten Ratgebern zu diesem Thema wird oft ein Bild gezeichnet, das ich nicht nur sehr liebevoll, sondern vor allem sehr zutreffend finde: Eltern sollten sich ihr pubertierendes Kind mit einer hübsch kolorierten Banderole um den Kopf vorstellen, auf deren Stirnseite für circa vier Jahre geschrieben steht: Wegen Umbau vorübergehend geschlossen.

Das trifft es!

Umbau! Bitte nicht zu verwechseln mit Abrissbirne. Denn das stimmt absolut nicht.

Die meisten Eltern von, allem Anschein zum Trotz, gesunden Kindern kennen zumindest annähernd folgende Situation:

Sie verlassen die häusliche Begegnungsstätte mit der halbwüchsigen Protagonistin ihres Lebens, die Ihnen soeben hasserfüllt erklärt hat, dass Sie der Zustand ihres Zimmers einen Scheiß anginge, Sie sich verpissen sollten, jedoch nicht ohne vorher endlich mal ihre Schmutzwäsche an den unmöglichsten Orten zusammen zu suchen und sie gefälligst zu waschen. Es wäre nämlich absolut NICHTS mehr zum Anziehen im Schrank. Und wieso ist eigentlich keine Nutella da?

Und wie Sie da tief durchatmend und verzweifelt ob der Unflätigkeit in der Ausdrucksweise der Rotzgöre Ihre Einkäufe erledigen wollen, kommt Ihnen im Supermarkt, just in dem Gang mit der Nutella, die nette ältere Dame aus der Nachbarschaft entgegen. Sie spricht Sie an: „Ach hallo! Schön, dass ich Sie auch mal sehe. Kürzlich habe ich Ihre Tochter getroffen.“

Und während Sie langsam erblassen und Ihnen winzige Schweißtröpfchen auf die Stirn treten, flötet es auch schon: „So ein entzückendes Mädchen. Und so höflich. Wir sind im selben Bus gefahren und sie hat mir meine Einkäufe bis zur Haustür getragen. Und wir haben ganz wunderbar geplaudert. Wirklich ein bezauberndes Mädel. Und so gescheit.“

Widerstehen Sie der Versuchung, sich umzudrehen, um zu erkunden, mit wem die Dame spricht. Und fragen Sie bitte auch nicht nach: „Sie meinen aber nicht MEINE Tochter!?“

Doch! Genau die meint sie. Und nein, die liebenswerte ältere Dame hat keineswegs fantasiert. Es war so!

Sie haben gar keine Tochter? Dafür aber einen Sohn? Gut. Dann eben so:

Der eigene Knabe kommt heim, ohne seine Drecksbotten auch nur provisorisch auf der Fußmatte abgeputzt zu haben. Die Klamotten, die an seinem Körper hängen, muss er unterwegs aus einem Altkleider-Container geklaubt haben. Er flegelt sich halb liegend an den Mittagstisch und gibt beim „essen“ Geräusche von sich, die Ihnen den Appetit vergehen lassen. Ach, was hatte der Kleine mit fünf Jahren doch für gute Manieren. Anschließend schlappt er wortlos aus dem Raum, um in seiner völlig vermieften Bude vor dem PC zu chillen, nicht ohne zuvor die Tür seines Zimmers hinter sich zu zu pfeffern.

 

Merke! Die Benutzung von Türklinken stellt in der Pubertät bei beiden Geschlechtern eine unüberbrückbare Hürde dar.

 

 

Bei seinem besten Freund stellt sich das alles komplett anders dar. Der Maxi/Kevin/Yannik…. kommt immer erst zu Ihnen, um Guten Tag zu sagen, fragt, wie es Ihnen geht, hat selbstverständlich seine Schuhe bereits vor der Tür ausgezogen und beantwortet Ihre Frage nach etwas zu trinken höflich mit: „Ja gerne. Ein Glas Wasser bitte, wenn es keine Umstände macht“.

 

Sparen Sie sich bitte jedweden sehnsuchtsvollen Seufzer und vor allem jeden (!!) Kommentar, denn es wird kommen der Tag, an dem Sie Maxi/Kevin/Yanniks Mama treffen werden, die Ihnen in den höchsten Tönen von den nahezu perfekten Umgangsformen IHRES Filius zu berichten weiß, währen der Flegel, der weiland ihrem eigenen Schoß entsprang, unmögliche Manieren hat, die Zähne höchstens zum Essen auseinander bekommt und Vokabeln wie bitte und danke längst in der Raritätenkammer seines Sprachzentrums abgelegt hat.

Ähnliches ist übrigens im Territorialbereich der jeweils besuchten Schule zu beobachten. In den seltensten Fällen benehmen sich ausgewogen ernährte und erzogene Teenies dem Lehrpersonal gegenüber unpassend, wenn sie alleine sind.

 

So! Und jetzt komme ich wieder zu der ziemlich vorne erwähnten guten Nachricht, Sie hätten so ziemlich viel richtig gemacht.

 

Genau an diesen externen Verhaltensweisen lässt sich nämlich erkennen, ob Ihr Kind wirklich so dissozial ist wie es scheint, sobald es seine Füße unter Ihren Tisch steckt.

Oder ob dieser Tisch nicht viel mehr in einer Umgebung steht, die dem Sprössling die nötige Sicherheit und Geborgenheit vermittelt, die er braucht, um sich langsam aber sicher als eigenständiger Mensch zu spüren, der eigene Entscheidungen treffen darf, eigene Verantwortung tragen soll und aus selbst verursachten Fehlern entsprechende Konsequenzen spüren muss.

 

Warum benimmt der Teenager sich denn gerade zu Hause wie der letzte Vollproll? Warum verletzt und beleidigt er gerade die, die alles für ihn tun? Warum macht er gerade vor den Menschen emotional dicht, die ihn bedingungslos lieben?

 

Eben drum!

 

Es wäre wohl kaum erstrebenswert, wenn sich unsere Nachkommen auf dem heimischen Sofa benähmen wie kleine Lämmer, um sich bei fremden Menschen aufzuführen wie dem Mittelalter entsprungene Berserker.

Und das wäre auch nicht zielführend.

Denn auch wenn es in der Akutphase der Pubertät enorm schwer zu erkennen ist: Diese Zeit hat nicht nur ihren Sinn, sondern ist geradezu lebensnotwendig für eine gesunde Entwicklung.

Und damit meine ich nicht nur die Entwicklung der Persönlichkeit Ihres Teenagers, sondern ganz wesentlich auch die Entwicklung der kommenden Beziehung zwischen Ihnen und Ihrem Kind.

 

 

 

 

 

 

 

Was bedeutet eigentlich Abgrenzung?

 

Wenn Kinder in die Pubertät kommen, verändert sich nicht nur ihr Verhalten, sondern das der gesamten Familie.

Alles was bisher in Ordnung schien, gerät jetzt aus den Fugen. Die klaren Strukturen, die zu einem berechenbaren Miteinander beitrugen, gibt es nicht mehr. Stattdessen erscheint es so, als würden jeden Tag neue Gesetze gelten.

Ganz oft erleben Eltern das Verhalten ihrer Kinder als einen gezielten Eingriff in das familiäre Gefüge. Sie sind es, die sich verändern. Die Eltern haben ihre Entwicklung schließlich schon abgeschlossen.

Ach ja? – Nein! Ganz im Gegenteil. Jetzt geht es noch mal richtig los.

 

Pubertät ist, wenn die Eltern schwierig werden. Was für viele klingt wie ein Witz, ist für unsere Kinder – manchmal bitterer – Ernst.

Versetzen wir uns doch einmal in ihre Lage.

Dazu gilt es, sich zunächst eins zu verdeutlichen: Die Kinder merken vorderhand nur wenig von ihrer eigenen Veränderung.

Es ist beileibe nicht so, dass der holde Teenie realisiert: Aah. Ich benehme mich ja ganz komisch. Ich hasse meine Eltern und meine Lehrer. Ich erlebe die selben Dinge, die ich gestern ganz toll fand, heute als total bescheuert. Ich lasse sämtliche Manieren beim Heimkommen vor der Tür zurück. Ich habe eine tierisch große Klappe mit schrecklich wenig dahinter, was ich hinter einer unverschämten Respektlosigkeit verberge, und meine Gefühle verändern sich von jetzt auf gleich, womit ich gleich gar nicht klar komme – ich muss wohl in der Pubertät sein!

Wenn überhaupt irgendetwas davon vom Kind realisiert wird, ist es der Teil: womit ich gleich gar nicht klar komme.

 

Wohl so ziemlich alle Eltern WISSEN, dass ihr Kind irgendwann einmal in die Pubertät kommen wird. Und es gibt genügend Möglichkeiten, sich zu informieren. Sie können Bücher darüber lesen. Sie können sich mit anderen Eltern austauschen. Es gibt Zeitschriften noch und nöcher, die sich ausschließlich mit der Psyche Heranwachsender beschäftigen.

Unsere Kinder haben diese Möglichkeit nicht. Selbst wenn sie diese Quellen anzapfen würden, könnten sie die empfangenen Informationen nicht verarbeiten, geschweige denn umsetzen. Zu Beginn merken sie nicht einmal eine Veränderung. „Nicht in dem Ton, Fräulein!“ oder „Beeilst du dich vielleicht mal, junger Mann?“ sind Aufforderungen, die das Kind zunächst einmal enorm irritieren, weil es nicht versteht, warum Sie ein Verhalten, das bislang völlig okay war, plötzlich kritisieren. Dass sich dieses Verhalten bereits verändert hat, nimmt es nicht wahr.

Sie hat doch völlig normal gesprochen. Und er hat doch gar nicht getrödelt.

Wenn Mädchen nach einem entschiedenen Anschiss seitens der Eltern plötzlich zu weinen anfangen, in ihr Zimmer rennen und die Tür hinter sich zu schmeißen, ist das kein Trotz, keine Provokation, sondern schiere Verzweiflung.

Sie fühlt sich total ungerecht behandelt! Wieso reagieren Sie so? Was hat sie denn bitte JETZT SCHON WIEDER falsch gemacht?

Das Gleiche gilt für den Sohn, der nach einer Auseinandersetzung hasserfüllt in seinem Zimmer unter den Kopfhörern verschwindet, die Mucke hoch dreht und in den nächsten Stunden unsichtbar bleibt.

 

 

 

Der Prozess der Abgrenzung hat begonnen.

Zunächst unbewusst, werden später ganz gezielt Prozesse und Situationen gesucht oder gar konstruiert, in denen Dinge prinzipiell anders gemacht werden als die Eltern es erwarten oder bislang gewohnt waren.

Erziehung läuft scheinbar ins Leere. Und ist doch jetzt mindestens genauso wichtig wie bisher.

Manche Eltern kommen da auf die putzigsten Ideen. Naheliegend scheint es beispielsweise manchen, einfach das Gegenteil von dem zu fordern was man eigentlich will – in der Hoffnung, dass das Kind dann wiederum das Gegenteil und somit das Erwünschte tut. Dem steht entgegen, dass der Nachwuchs zwar ein wenig seltsam mutiert, dabei aber keineswegs der völligen Verblödung anheim gefallen ist.

 

Gerne wird auch vor allem von Eltern, die ohnehin Schwierigkeiten mit dem persönlichen Alterungsprozess haben, dieser schlicht negiert und kurzerhand in die Klamottenkiste des Nachwuchses gegriffen.

Da stehen die SoUmDieVierzig-Eltern dann bei H&M, NewYorker und Primark neben unangenehm berührten Teenagern an der Kasse, um die Kids künftig mit offenen Chucks, Buggy-Jeans und raus hängenden Motiv-Shirts (Väter) oder knallbunten Schmuck-Accessoires, zerrissenen Jeans und bauchfreien Tops (Mütter) zur Schule oder zum Training zu kutschieren. Wie peinlich ist das denn bitte?

Wenn man blöderweise schon mal Eltern hat, dann sollen sie bitte auch als Eltern rumlaufen. Und nicht versuchen, wie ein plumper Abklatsch eines selbst auszusehen. Geht gar nicht!

Gleiches gilt übrigens auch für den Sprachgebrauch. Bleiben Sie bei Ihrem vertrauten „Schrei hier nicht so rum“, „Sei nicht so vorlaut“ und „Geh bitte in dein Zimmer“ statt sich mit „Ey, chill doch mal“, „Einfach mal Fresse halten“ und „ Mach mal nen turn, Digga“ auf ein Niveau zu begeben, auf das auch der am wenigsten starke unter den Halbstarken noch in der Hocke runterschaut.

 

Konsequenz und Authentizität

 

Bevor Sie in dieser Entwicklungsphase spontan irgendwelche Ihnen gebotenen Maßnahmen ergreifen, tun Sie sich einen Gefallen:

Nehmen Sie sich eine gemütliche Tasse Kaffee/Tee oder was auch immer Sie gerne trinken – außer Alkohol, Sie brauchen einen klaren Verstand! – und eine Stunde konzentrierte Ruhe. Gehen Sie in sich und fragen Sie sich wer Sie sind, was Ihnen wichtig ist und was Sie auf keinen Fall möchten. Und welche Kompromisse Sie machen können bzw. auf keinen Fall eingehen möchten.

 

Machen wir uns nichts vor. Wir können noch so ruhige und ausgeglichene Menschen sein, das eigene pubertierende Kind bringt bislang unbekannte Saiten in uns zum vibrieren. Und das sind wahrlich nicht unsere besten. Wir schreien rum, sind unbeherrscht, manchmal rutscht uns die Hand aus, was niemals hätte passieren dürfen, wir machen uns ständig Sorgen, sind alles andere als entspannt, lieben unser Kind über alles in der Welt und kennen doch die Nummer des Amtes für Adoption auswendig.

 

Da wir auch nur Menschen sind, die in ihrer Geschichte und ihren Emotionen gefangen sind, ist dies alles ziemlich normal und es bringt überhaupt nichts, sich deswegen pausenlos Vorwürfe zu machen. Das einzige was wirklich von eklatanter Bedeutung ist, ist Authentizität.

Heute so, morgen anders kann unser Kind nun wahrlich besser.

Also sollten wir das tun, womit wir unseren Kindern und auch uns dauerhaft am meisten helfen: Halt geben. Indem sie sich auf uns verlassen können. Soll heißen: wenn Sie in Ihrer ruhigen Kaffee- bzw. Teestunde bestimmte Verhaltensweisen als No Go für sich festgelegt haben, dann sind sie ein No Go! Und bleiben es! Punktum!

 

Manche Teenager ermöglichen ihren Eltern trotz Pubertät noch eine gewisse Basisdemokratie, die es gestattet, die eine oder andere Entscheidung gemeinsam zu treffen. Rechnen Sie bitte damit, dass diese Entscheidung von ihrem Kind schon bald in Frage gestellt wird, wenn es sich überhaupt noch daran erinnert. Vermeiden Sie Diskussionen – es sei denn, Sie haben vorher zu Valium gegriffen, wovon ich abrate – und bleiben Sie konsequent. „Kann ja sein, dass du dich nicht an die Vereinbarung erinnerst, unter der Woche um neun daheim zu sein, aber ich erinnere mich sehr wohl. Und deshalb mein Schatz, bist du um neun zu Hause. Basta!“

 

Halten Sie es aus, wenn ein erbostes „Du bist gemein! Ich hasse dich! Blöde Kuh!“ Rums! folgt. Das gerät genauso schnell in Vergessenheit wie die getroffene Vereinbarung. Spätestens, wenn Sie vom Einkauf drei Tafeln Lieblingsschokolade mitbringen, sind Sie die liebste Mama der Welt!

Aber Vorsicht! Bevor Sie zu solch gut gemeinten Versöhnungsangeboten greifen, vergewissern Sie sich unbedingt, ob der weibliche Nachwuchs gerade eine Diät macht oder aber in einschlägigen Jugendmedien soeben herausgefunden hat, dass Schokolade Pickel macht. Sonst könnte es sein, dass aus der Friedenspfeife ein Zankapfel wird, begleitet von dem abstrusen Vorwurf, das sei ja mal wieder typisch. „Dir ist es natürlich scheißegal, wenn ich fett werde und Pickel kriege und VON ALLEN gedisst werde!“ – Binnen drei Tagen kommt ein sehnsüchtiges: „Mamaaa? Hast du noch die Schokolade von neulich?“

Und damit sind wir bei der einzigen Konstante in dieser Zeit: Nichts ist von Dauer!

 

Und nun mal Butter bei die Fische: Gestatten Sie gelegentlich etwas, was Sie eigentlich verboten haben – nur um Ihre Ruhe zu haben?

Verbieten Sie zuweilen etwas, das sie letzte Woche erlaubt haben, weil es Ihnen plötzlich doch zu riskant erscheint?

Ganz schlecht!

Erziehen Sie nicht aus momentaner Laune heraus. Das spüren die Kinder. Sie können Ihre Regeln nicht mehr ernst nehmen und verlieren die Orientierung.

Im schlimmsten Falle hat dies zur Folge, dass die Kids ihre eigenen Entscheidungen treffen, ohne Sie daran Teil haben zu lassen. Der Grundstein zu künftigen Lügen wäre dann gelegt.

Halten Sie es aus, dass Ihre Kinder Sie verfluchen, hassen, anbrüllen oder ignorieren. Wenn es Ihnen zu viel wird, schreien Sie eben mal zurück. Machen Sie aus Ihrem Herzen keine Mördergrube – aber bitte bleiben Sie konsequent.

Es lohnt sich. Wenn Sie Glück haben, können Sie ihr eben noch Vulkan spielendes Töchterchen mit der Freundin am Telefon hören: „Nein, ich darf nur bis neun. Hab ich auch gesagt, aber keine Chance…. Vergiss es! Wenn die Nein sagt, meint sie nein. Ist halt so.“ Das ist natürlich keine Aufforderung, die Gespräche ihrer Kinder zu belauschen, aber wenn Sie’s rein zufällig mitbekommen, werden Sie ganz schnell den Respekt und die Anerkennung heraushören können. Das kann sogar ein paar Monate später zu einer unerwarteten Bitte führen: „Mama, die Anna und die Sophie wollen heute Abend in die Shisha-Bar. Ich hab aber keinen Bock. Kann ich sagen, ich darf nicht?“

Von wegen Scherz!– So was gibt es. – Selbst erlebt.

Überhaupt kann man durchaus auch in der Pubertät einige schöne und nachhaltige Erlebnisse haben. Eine Mutter, die der felsenfesten Überzeugung war, dass ihre Tochter sie abgrundtief verabscheut und verachtet, die nur selten mit ihr sprach – sprach! geschrien hat sie öfter – und von deren Leben sie absolut nichts zu wissen glaubte, hatte ein solch positives Erlebnis am gemeinsamen Mittagstisch. Die Tochter plauderte ein wenig über die Freundin und dass die jetzt das und das gemacht habe und überhaupt, hätte die gar kein Vertrauen zu ihrer Mom. „Das ist nicht so wie bei uns. Die haben längst nicht so ein gutes Verhältnis.“

Paff! Dem holden Mütterchen hat es die Sprache verschlagen. Sie war aber klug genug, sich ihre kolossale Verwirrung nicht anmerken zu lassen.

 

A propos Mittagstisch – natürlich ist mir klar, dass es in vielen Familien nicht möglich ist, gemeinsam Mittag zu essen. Das ist auch nicht wirklich schlimm. Wertvoll wäre es allerdings, wenn man schon in vorpubertären Zeiten ein paar von allen Beteiligten gerne eingehaltene Rituale festgelegt hätte, die auch in diesen schweren Zeiten ein Fixpunkt der Verlässlichkeit und Vertrautheit blieben.

 

Gestatten Sie mir einen kleinen Abstecher in meine eigene Jugend:

Mein allein erziehender, beruflich sehr eingespannter Vater legte uneingeschränkt Wert auf ein gemeinsames Frühstück am Wochenende. Und das, obwohl ich einer von diesen typischen Teenies war, für die 12 Uhr mittags ähnlich klingt wie sechs Uhr morgens. Also einfach grausam.

Um es mir etwas einfacher zu machen, hat er sich morgens in aller Ruhe fertig gemacht und ging auf die nahe liegende Shoppingmeile mit Marktständen. Dort frönte er zunächst seiner geheimen Leidenschaft: Hungrig einkaufen. Und da er hier und da einem netten Plausch an den Ständen oder in den Lädchen nicht abgeneigt war, konnte das schon mal dauern. Mindestens eine Stunde, wenn nicht mehr. Je nach Wetter.

Wieder daheim – Tochter pennte noch tief und fest – bereitete er mit viel Vergnügen einen wunderbar üppigen und liebevoll gedeckten Frühstückstisch vor. Sodann presste er ein Netz Orangen aus – mit der Hand versteht sich – und brühte frischen Kaffee auf. Nachdem er schlussendlich noch eine Schallplatte (!!!) mit klassischer Musik aufgelegt hatte (Ritual!!), kam er mit einer Tasse Kaffee und einem Glas frischem O-Saft an mein Bett und weckte mich mit den Worten: „Frühstück ist fertig.“

Klasse, oder? Zumal er intuitiv eines erfasst hatte: Fast noch ausgeprägter als das Schlafbedürfnis eines Teenagers ist sein Hunger. Wenn dieser also morgens gegen elf – also eigentlich mitten in der Nacht – mit dem Duft von frischen Brötchen und Kaffee geweckt wird und aus Erfahrung weiß, was für ein Gaumenschmaus da wartet, wird der Zeitaufwand für Gesicht waschen und Haare kämmen verschwindend gering, zumal mein stets in Anzug und Krawatte erscheinender Vater mir an diesen Morgen den Bademantel erlaubte.

Über meine anfängliche Wortkargheit beim Frühstück – alles hat seine Grenzen – hat er munter weg geplaudert. Und nach der dritten Tasse Kaffee war ich so weit im Leben angekommen, dass ich auch etwas sagen konnte. Diese Samstagsfrühstücke sind mir noch heute in schöner Erinnerung.

Sie waren für mich Hort der Geborgenheit. Hier blieb ich das Kind, das sich an einen gedeckten Tisch setzte, versorgt und verwöhnt wurde.

 

Dass ich mich unter der Woche vorwiegend allein versorgte und den Haushalt führte, war an solchen Tagen vergessen.

 

 

Warum eigentlich das alles?

 

Ich halte ehrlich gesagt nicht so viel von diesen Kategorien Helikopter-Eltern, Kumpel-Eltern und so weiter. So lange Eltern ihren Kindern Liebe und Geborgenheit geben, ohne sie zu ersticken oder zu kopieren, können sie meiner Meinung nach nicht wirklich viel falsch machen.

 

Dennoch lässt sich die Beobachtung machen, dass es wirklich Eltern, bzw. Mütter gibt, deren Kinder das Thema Pubertät zu einer unbedeutenden Fußnote machen. Sie lehnen sich nicht auf, sind so was wie ordentlich, kommen in der Schule gut mit, haben keine Probleme in der Peer Group und gelegentlich mal ein pampiges Wort oder Augen verdrehen ist schon das höchste der negativen Gefühlsäußerungen. Ich kann jede Mutter eines solchen Kindes in ihrer Freude und Dankbarkeit darüber verstehen.

Steht sie doch mit einem kolossalen Erstaunen den Eltern gegenüber, die mindestens drei Mal täglich Gewaltfantasien haben, die Super-Nanny anrufen möchten oder den Koffer mit dem Nötigsten gepackt haben, um ihn mitsamt Nachwuchs im Laderaum des nächsten Überseefrachters zu verstauen. Kuala Lumpur, Timbuktu, Atlantis oder so!

Frei nach dem Motto: Will das noch jemand oder kann das weg?

 

Diese davon verschonten Erzeuger haben natürlich allen anderen gegenüber einen Riesenvorteil! – Ihre Kinder allerdings nicht.

Gerade das nämlich, was der Pubertät den für Eltern nur rudimentär erkennbaren Sinn verleiht, bleibt diesen Kindern verborgen. Die dringend nötige Fähigkeit zu Abgrenzung und Eigenständigkeit.

Das Kind kann den Abnabelungsprozess nur einleiten, indem es ausprobiert wie sein Leben aussieht, wenn es selbst bestimmt ist. Wenn es seine Meinung vertritt, egal ob sie seinen Eltern passt oder nicht. Wenn es für andere eintritt, weil es Ungerechtigkeit erkennt und sie nicht hinnehmen kann. Wenn es streitet, weil es nicht einsieht, etwas tun zu sollen, das es nicht will. Wenn es sich der Liebe seiner Eltern so sicher ist, dass es weiß, dass sie trotz allem (!!!) ihre Gewaltfantasien unterdrücken, die Super-Nanny bei RTL lassen und den Koffer für Atlantis wieder auspacken.

 

Das Wichtigste allerdings ist, dass sie wissen, dass sie ihren Eltern das zumuten können!

 

In dieser Zeit gilt für diese zerrissenen Geschöpfe, in ihrer Entwicklung keine Rücksicht auf Stress im Job, Migräneattacken, jüngere Geschwister, leidende Mütter, überforderte Väter, Sucht, Übersensibilität und so weiter nehmen zu MÜSSEN.

Meine Eltern sollen jetzt gefälligst für vier bis sechs Jahre zurückstecken– scheißegal wie schwer es ihnen fällt. Ich hab lange genug gemacht, was SIE wollten. Jetzt sind sie dran. Schließlich – häufiges Teenie-Argument – hab ich es mir nicht ausgesucht, geboren zu werden. Hätten sie sich vorher überlegen müssen.

 

Und wisst ihr was, liebe Eltern? Ihr ahnt es, gell? Die Kids haben Recht! Absolut Recht!

Natürlich geht es nicht ohne gegenseitige Rücksichtnahme. Aber Hand aufs Herz: Auf Menschen, die ich respektiere, nehme ich doch immer auch eine gewisse Rücksicht. Selbst wenn es nur die Eltern sind.

Und auch wenn Sie Ihre Teens nie mit den engelsgleichen Geschöpfen, die sie als Kinder waren, vergleichen dürfen – für die Kids bleiben wir das was wir damals schon waren. Ihr Schiff in der Brandung. Ihr Anker. Ihr sicherer Hafen. Egal wie heftig die Stürme toben.

Kinder, die keine Kämpfe gekämpft, die keine Grenzen überschritten und die keinen Mut zum Auflehnen haben, werden erwachsen, ohne es zu merken. Sie überschreiten nicht schmerzhaft aber ganz bewusst eine Schwelle, sie sind plötzlich da. Sie haben nicht gelernt, einfach nur auf sich selbst zu hören, sie passen sich an. Sie grenzen sich nicht ab, sie laufen mit. Viele scheuen den Konflikt und wollen auf keinen Fall negativ auffallen.

 

Ich kenne solche Kinder, und ich kenne deren Eltern.

Selbstverständlich wäre es vollkommen absurd, wenn in diesen Familien plötzlich Streitsituationen provoziert würden, nur damit mal pubertärerer Dampf in die Harmonie fährt.

Aber diese Eltern sind genauso wenig besser, wie die anderen schlechter sind. Und auch ihre Kinder nicht. Es gibt Stärkere und Schwächere. Alles kommt genau so, wie es in der psychischen Struktur und der Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes vorgesehen ist.

 

Wenn Sie als Eltern schon mitten in der Chaos-Zeit stecken, nehmen Sie sich die Muße und wagen Sie einen Rückblick auf hinter Ihnen liegende Tage und Wochen. Ist es nicht so, dass Sie zwar um jede Einsicht des Nachwuchses kämpfen mussten wie ein Windrad gegen das AKW, sich aber schlussendlich doch durchsetzen konnten? Oder zumindest einen Kompromiss erzielt haben? Das Ergebnis zählt. Nicht der Weg dorthin.

 

Es ist eine Zeit, die wir alle überstehen und bestehen müssen. Genau wie in allen Beziehungen als Mensch. Es gibt gute Zeiten, schlechte Zeiten. Freuen wir uns über die guten – die schlechten gehen vorbei.

 

Für Eltern pubertierender aber sonst gesunder Kinder gilt diese auf Facebook gefundene und immer zutreffende Weisheit:

 

Schließe ab, mit dem was war

Sei glücklich, über das was ist

Bleibe offen, für das was kommt

 

Das Leben ist schön

Von einfach war nie die Rede!

 

 

 

 

 

 

 

Tante Lilo fährt – immer noch – Auto

Tante Lilo fährt – immer noch – Auto

 

War das im Spiegel? Ja! Muss im Spiegel gewesen sein Ich lese ja nichts anderes mehr. Komm ich gar nicht zu (siehe auch: „Ich bin im Stress“).

Auf jeden Fall hab ich im Spiegel – und der ist seriös, das muss man ernst nehmen – einen Artikel gelesen.

Es ging um alte Leute und Auto fahren. Ein Mann kam zu Wort. Er war höchst beunruhigt über die Fahrweise seines sehr alten Herrn und wollte aus nahe liegenden Gründen schrecklich gerne, dass dieser den Führerschein abgibt.

Musste ich sofort an Tante Lilo denken. Lappen weg, Bus fahren. Sofort!

Vorletztes Jahr wurde ihr der dritte Advent versaut, obwohl es doch so ein netter Abend in dieser Weinschänke in Sachsenhausen war. Leider nur hat sie beim Ausparken den Abstand zu dem hinter ihr stehenden Fahrzeug überschätzt, weshalb es nach kurzem Rangieren ein unangenehmes Geräusch gab. Das kam von dem schwarzen Maserati, der die Zudringlichkeit von Tante Lilos Mercedes übel nahm und diesen Unmut durch das Aufheulen seiner Alarmanlage prompt lauthals kundtat, woraufhin sein Herrchen hinzu eilte und sich mächtig echauffierte. Tante Lilo beendete ihre Schilderung dieses Vorfalls mit den Worten: „Völlig überzogen. Man hat überhaupt nichts gesehen.“ Das sah der Gutachter ihrer Versicherung offenbar anders, denn unser Tantchen ist einige Prozentpunkte nach oben gerutscht.

Nur wenige Wochen später, mittlerweile herrschte tiefster Winter, lagen Landschaft und Straßen unter einer dichten Schneedecke. So auch der Parkplatz des Rathauses von Tante Lilos Heimatgemeinde. Sie brauchte unbedingt gelbe Säcke, und die holte sie schon seit vielen Jahren in regelmäßigen Abständen genau dort. Es war also nachvollziehbar, dass Tante Lilo behauptete, diesen Parkplatz wie ihre Westentasche zu kennen. Trotzdem entdeckte sie – potzblitz – eine neue Parkplatzausfahrt!

Das war ja interessant. Wieso war ihr die noch nie aufgefallen?

Nun denn. Tante Lilo ist Neuem gegenüber sehr aufgeschlossen und beschloss daher, heute diese Ausfahrt zu probieren. Sie hoffte, dass sie nicht ins Rutschen geraten würde, denn der Weg war ungewöhnlich abschüssig. Plötzlich wurde es derart holprig, dass Tantchen Angst um Ihre Achsen hatte. Da musste etwas unter dem Schnee sein. Sie kam nur schwer vorwärts.

snow-981721_640Irgendwann jedoch hatte sie es geschafft.

Erschöpft schaute sie sich um, entdeckte den Grund der Unebenheiten und erkannte den Weg prompt wieder. Sie war die schöne breite Rathaustreppe hinunter gefahren.

Warum diese normalerweise ausschließlich Fußgängern vorbehalten war, erschloss sich ihr jetzt ganz deutlich.

Im Herbst des Folgejahres kam – im wahrsten Sinne des Wortes – der Knaller. Tante Lilo fuhr zur Beerdigung einer sehr lieben Freundin. Nun hat jeder Verständnis dafür, dass ein solches Geschehnis immer eine seelische Belastung bedeutet. Aber dass man deshalb aus der Parkposition heraus Gas und Bremse verwechselt und mit Kick Down durch einen Vorgarten in eine Hauswand fährt, ist auch unter diesen Umständen eher ungewöhnlich. Die Familie, die hinter der Hauswand gerade beim Frühstück saß, war geschockt. Verständlich, wie ich finde.

An die Möglichkeit, dass just in diesem Moment die Mutter oder eines der Kinder in dem rasant durchquerten Vorgarten ein paar Tomätchen oder Schnittlauch fürs Frühstücksei hätte pflücken können, möchte ich nicht mal denken.

Die Airbags waren draußen, die Überrollbügel hatten sich hochgefahren, das Auto hatte – obwohl Mercedes – vor der Hauswand kapituliert.

Die Versicherung kapitulierte auch. Tante Lilo flog raus.

Aber die alte Dame ist hartnäckig. Es hat zwar gedauert, aber sie hat eine neue Versicherung gefunden. Ich glaube, sie liegt zur Zeit so bei 800 Prozent 😉.

Frühjahr und Sommer bleiben im Vergleich dazu recht ereignislos, sieht man von kleinen Kollisionen auf Supermarkt- und Discounter-Parkplätzen einmal ab. Da muss man dann allerdings einräumen dass Tante Lilo extremes Pech hat.

Und zwar immer nur sie – wovon wir alle profitieren.

Sollte sich einer von Ihnen ängstigen, dass sein Auto von irgend so einem unfallflüchtigen Idioten beim Ausparken kaputt gefahren werden könnte, nur die Ruhe.

Die sind alle schon wieder weg. Die kommen nämlich nur auf die entsprechenden Parkplätze, wenn sie Tante Lilos Auto dort stehen sehen.

Dann aber geht’s rund!parking-825371__180

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgend so ein Rowdy sie in ihrer Abwesenheit vorne, hinten oder seitwärts touchiert. Und zwar mit Karacho. Woher sonst kommen all diese Beulen, die sie am Auto hat? Lässt sich doch gar nicht anders erklären.

Gestern am Telefon konnte sie wieder eine nette Anekdote zum besten geben. Natürlich war sie  nicht selber Schuld. Was zu beweisen war. Sie war bei dem Unfall auf dem Aldi-Parkplatz nämlich höchstselbst anwesend, hat sogar im Auto gesessen.

Sie stand so ein bisschen in einer Einfahrt – nicht viel, natürlich nicht – als so ein riesiger Liefer-LKW rückwärts da rein wollte. Der war aber so groß, dass er das nicht so richtig schaffte. Nach mehrmaligem Rangieren – „der arme Kerl hat mir richtig Leid getan“ – rammte er Tante Lilos Auto.

Ich hatte gestern am Telefon leider keine Zeit für eine lange Erklärung. Daher habe ich sie nicht gefragt, warum sie nicht einfach weg gefahren ist, um dem “armen Kerl” Platz zu machen.

Ach ja, der Spiegel-Autor übrigens, dessen Vater u.a. mit 60 km/h durch die Tempo30-Zonen brettert, konnte seinen Vater noch nicht zum freiwilligen Abgeben der Fahrerlaubnis bewegen. Warum auch? So ein Quatsch. Er ist schließlich ein erfahrener Autofahrer.  Wie der Sohn sich fühlt – ich weiß es genau.

Und ich fürchte – Fortsetzung folgt 😖

 

Ich bin im Stress! Sie etwa nicht?

Ich bin im Stress! Sie etwa nicht?

 

Sie sind im Stress?! Gottchen, was kann ich Sie verstehen. Ich nämlich auch.

Wie wieso? Was soll die Frage? Bitte nicht jetzt. Ich muss diesen Text hier schreiben. Und zwar diese Woche noch. Und heute ist schon Dienstag! Gestern konnte ich nicht. Da war ich im Supermarkt. Gleich in der Früh. Weiß ich, ob die später noch haben was ich will? Ich also als erste um zehn vor acht vor der verschlossenen Tür. Read more